Reisebericht Tansania

10.-12. April 2022

25.04.22 –

Eine meiner ersten Dienstreisen als Staatsministerin führte mich nach Tansania -  einerseits, weil ich deutlich machen wollten, dass der Krieg in Europa nicht dazu führt, dass wir Afrika aus dem Blick verlieren und andererseits um unser Vorhaben, die Kolonialgeschichte aufzuarbeiten, voran zu bringen.

Im Rahmen meines Besuchs haben wir das 60jährige Bestehen der deutsch-tansanischen Beziehungen gefeiert. Schwerpunkte dieser Partnerschaft liegen u.a. in den Bereichen Biodiversität, Wasser- und Energieversorgung und Gesundheit. Nach dem plötzlichen Tod von Präsident Magufuli hat seine Stellvertreterin Samia Suluhu Hassan im März 2021 das Amt übernommen. Sie hat einen Reformkurs eingeschlagen und dadurch die Rahmenbedingungen für die deutsch-tansanische Kooperation verbessert.

 

10. April 2022

Der 1.Tag meines Besuchs ist der Kolonialgeschichte gewidmet. Daher führt mich der erste Termin in das Nationalmuseum in Daressalam, wo Vertreter der Stiftung Humboldt-Forum, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und des Museums Vereinbarungen für ein gemeinsames Ausstellungsprojekt zur Geschichte Tansanias unterschrieben. Die Ausstellung soll sowohl in Berlin als auch in Daressalam gezeigt werden. Im Rahmen der Museumskooperation sollen schließlich auch Gegenstände zurückgegeben werden, welche von deutschen Kolonialisten nach Deutschland verbracht wurden, insbes. solche aus der Zeit des Maji-Maji-Aufstands

 

Als Teil von „Deutsch-Ostafrika“ war Tansania von 1891 bis 1919 deutsche Kolonie. Aufbau und Verwaltung der Kolonie waren immer wieder von Rassismus, Willkür und Brutalität gekennzeichnet. Durch die repressiven Zustände im kolonialen System kam es zu mehreren Aufständen, darunter der Maji-Maji-Krieg (1905-1907). Er gilt als einer der größten Kolonialkriege auf dem afrikanischen Kontinent. Man geht davon aus, dass ein Drittel der Bevölkerung durch den Krieg und seine unmittelbaren Folgen getötet wurde.

Bei meinem Besuch kann ich auch mit den Nachfahren des von deutschen Kolonialisten 1900 hingerichteten Chagga-Führers Mangi Meli sprechen. Wir unterstützen die Suche nach dem Schädel ihres Vorfahrens, der damals nach Deutschland gelangt sein soll. Doch leider ist es bisher nicht gelungen, ihn ausfindig zu machen. In vielen deutschen Museen lagern bis heute Tausende sterbliche Überreste aus kolonialen Kontexten. Ihre Rückgabe ist und bleibt ein wichtiges Anliegen!

 

 

11./12. April 2022

Am nächsten Tag stehen hochrangige politische Gespräche an. Mit Außenministerin Liberata Mulamula, die mich bereits bei der Ankunft am Flughafen begrüßt hatte, spreche ich über die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine für Tansania sowie über die regionalen Konflikte in Ostafrika. Gemeinsam nehmen wir am Abend mit zahlreichen Gästen an der Feier zum 60. Jubiläum der deutsch-tansanischen Beziehungen im Goethe-Institut teil.

Im Gespräch mit Präsidentin Samia geht es vor allem auch um die Entwicklung der bilateralen Kooperation und ihren innenpolitischen Kurs. Ich kann ihr aus meinem Gespräch mit der Opposition am Vorabend berichten und ermutige sie, den Kurs der Öffnung und Stärkung demokratischer Freiheit fortzusetzen.

Das Thema feministische Außenpolitik ist bei sämtlichen Regierungsgesprächen ein Selbstläufer. Die Präsidentin nennt die Förderung von Frauen als ein Herzensanliegen. Sie ist aktuell Afrikas einzige Präsidentin mit exekutiven Befugnissen und hat nach der Regierungsübernahme viele Positionen mit Frauen besetzt, u.a. eben die Außenministerin und die Verteidigungsministerin.

 

Gleichzeitig gibt es im Land noch viel für den Schutz und die Stärkung von Frauenrechten zu tun. Mehr darüber erfahre ich bei meinem Besuch in einem Rehabilitationszentrum für weibliche Opfer von Menschenhandel. Junge Mädchen nehmen oft wegen der Armut ihrer Familien Arbeitsangebote an, die in sexueller Ausbeutung enden oder werden früh an ältere Männer verheiratet. Mehrehen sind in Tansania noch üblich. Ein Mädchen berichtet uns davon, dass sie bei der Wiederheirat ihrer geschiedenen Mutter von dem neuen Ehemann gleich mit geheiratet wurde. In dem von Deutschland geförderten und von der Caritas unterstützten Projekt erhalten die Mädchen 1 Jahr lang Betreuung, sowohl Therapie als auch ein berufliches Training, das sie auf ein eigenständiges Leben vorbereitet.